Vom KV-Lernenden zum CEO von PostFinance: Entscheidend für Beat Röthlisbergers Laufbahn waren Neugier, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – und das Vertrauen ins eigene Urteilsvermögen.

Ein Beitrag aus der Blogserie «Mein Weg: Karrieren mit KV- und Detailhandelslehre».

In Kürze

  • Beat Röthlisbergers Laufbahn führt von der KV-Lehre bis an die Spitze von PostFinance.
  • Bei beruflichen Veränderungen zählen für ihn überzeugende Aufgaben und Gestaltungsspielraum.
  • Fachwissen und Erfahrung helfen ihm, Zusammenhänge zu verstehen und auch KI-Ergebnisse einzuordnen.

«Ich glaube, Sie sprechen mit dem falschen Kandidaten.» Beat Röthlisberger, 54, lacht, als er von seiner ersten Reaktion auf die Anfrage aus Bern erzählt. Damals leitete er bei der Basellandschaftlichen Kantonalbank das Firmenkundengeschäft, war stellvertretender CEO und zufrieden mit seiner Aufgabe. Trotzdem liess er sich auf das Auswahlverfahren ein. Seit Juli 2024 steht er an der Spitze von PostFinance.

Prestige und Titel waren für Röthlisberger nie Grund für einen Jobwechsel. Entscheidend war vielmehr, ob ihn eine Aufgabe inhaltlich überzeugt und ihm Gestaltungsspielraum bietet. Dass er bereit ist, sich dafür auch gegen die gängige Karrierelogik zu entscheiden hat sich Jahre zuvor schon gezeigt.

Kurswechsel

23 Jahre lang arbeitete er beim Schweizerischen Bankverein und später bei der UBS, zuletzt in leitenden Funktionen. Darauf folgte überraschend der Wechsel zur deutlich kleineren Basellandschaftlichen Kantonalbank. Röthlisberger vertraute auf sein eigenes Urteil, obwohl der Schritt nach gängiger Branchenlogik nicht nach Aufstieg aussah: weniger Salär, weniger Status und zunächst kein Sitz in der Geschäftsleitung. «Doch für mich war das eine Befreiung aus der Konzernumarmung.» Nach Jahren, die von Fusionen, der Finanzkrise und zunehmend engeren Handlungsspielräumen geprägt waren, wollte er wieder näher am Geschäft sein, mehr Verantwortung tragen und mehr gestalten. Die Entscheidung zahlte sich schliesslich auch karrieretechnisch aus: Bei der BLKB übernahm er später das Firmenkundengeschäft und wurde stellvertretender CEO.

Grundkapital

So weit ihn seine Laufbahn inzwischen geführt hat: Am Anfang stand kein Karriereplan, sondern eine persönliche Begegnung. Bei der Eröffnung seines ersten Bankkontos traf Röthlisberger auf einen Kundenberater, der komplexe Sachverhalte verständlich erklären konnte und dabei Ruhe und Souveränität ausstrahlte. «Er vermittelte mir das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben.»

In der Folge absolvierte Röthlisberger eine KV-Lehre beim Schweizerischen Bankverein in Basel, der später in der UBS aufging. Sie öffnete ihm den Weg ins Bankgeschäft – und weckte den Wunsch, wirtschaftliche Zusammenhänge nicht nur anzuwenden, sondern zu verstehen. Darauf baute er weiter auf. Berufsbegleitend studierte Röthlisberger Betriebsökonomie, um das zunehmend komplexe Bankgeschäft besser zu durchdringen. Zugleich sammelte er Führungserfahrungen ausserhalb der Bank – als Juniorentrainer im Fussball und während der Offiziersausbildung im Militär. Fachwissen, Verantwortung, Arbeit mit Menschen: Nach und nach kamen jene Elemente/Fähigkeiten zusammen, die seine weitere Laufbahn prägen sollten.

Zukunftswert

Dass Röthlisberger auch heute wieder eine KV-Lehre wählen würde, steht für ihn ausser Frage. Gerade im Zeitalter von KI brauche es Fachwissen, Erfahrung und die Fähigkeit, Resultate einzuordnen. «Wer nie etwas gelernt und selbst angewendet hat, kann auch nicht beurteilen, was eine KI ausspuckt.» Die KV-Lehre gab Röthlisberger zwar keinen Karriereplan mit, dafür ein breites Fundament, auf dem er immer wieder aufbauen konnte. Wohin es führen würde, wusste er 1992 ebenso wenig wie Jahrzehnte später, als er überzeugt war, PostFinance spreche mit dem falschen Kandidaten.

Autorin

Anina Rether, Journalistin und Senior Editor Corporate Publishing & Books bei Panta Rhei.