Alexia Böniger unterstützt Menschen in Unternehmen beim Finden von Strategien, Optimieren von Strukturen, bei Kulturentwicklungen und organisationalem Lernen. New Work ist ihr Steckenpferd. Ihr Erfahrungsrucksack ist gefüllt mit Betriebswirtschaft, Innovation, pädagogischer Psychologie und Unternehmensführung.

In Kürze

  • Wertschätzung ist ein zentraler Faktor für Arbeitszufriedenheit, Motivation und Wohlbefinden von Mitarbeitenden.
  • Sie zeigt sich nicht nur durch Lob, sondern auch durch Vertrauen, Entwicklungsmöglichkeiten und gute Rahmenbedingungen.
  • Eine wertschätzende Kultur entsteht durch kleine Gesten im Alltag und durch Führung, die Menschen individuell unterstützt.

Frau Böniger, welche Rolle spielt Wertschätzung für die Arbeitszufriedenheit?

In Mitarbeitendenbefragungen gibt es zwei Themen, die fast immer kritisch beurteilt
werden: Kommunikation und Wertschätzung. Wertschätzung hat viele Facetten, und es gibt kein einheitliches Rezept, diese auszudrücken. Menschen sind verschieden und nehmen sie unterschiedlich wahr. Dabei ist sie ein wichtiger Faktor für die Arbeitszufriedenheit.

Wie definiert sich Wertschätzung im beruflichen Kontext?

Zu den materiellen Komponenten gehören Lohn, Bonus und Benefits. Dazu kommt eine soziale Ebene: Lob, Feedback, positive Kommunikation, echtes Interesse und Zuhören. Strukturell zeigt sie sich in Entwicklungsmöglichkeiten, vielseitigen Aufgaben, guten Arbeitsbedingungen und darin, ob ich meine Fähigkeiten einbringen kann. Schliesslich gibt es eine vertrauensbasierte Form: Man traut mir etwas zu, überträgt Verantwortung und gibt Handlungsspielraum. Wenn ich mich entfalten kann und meine Kompetenzen wachsen, ist das eine sehr starke Form von Anerkennung.

Wenn wir Anerkennung erhalten, reagiert das Belohnungssystem im Gehirn; Dopamin wird ausgeschüttet, was Motivation und Leistungsfähigkeit fördern kann.

Wenn es so viele Möglichkeiten gibt, warum geht Wertschätzung im Arbeitsleben trotzdem häufig unter?

Führungskräfte sind stark damit beschäftigt, Orientierung zu geben, Ziele zu klären, das Unternehmen zu positionieren oder Arbeitsinstrumente bereitzustellen. Dabei geht das Naheliegende manchmal vergessen: für eine positive Emotion zu sorgen. In einer Sitzung zu fragen: «Was ist uns als Team gut gelungen, worauf können wir stolz sein?» Das sind kleine Interventionen mit grossem Effekt.

Was heisst das konkret?

Wertschätzung wirkt nicht nur psychologisch, sondern auch körperlich. Wenn wir Anerkennung erhalten, reagiert das Belohnungssystem im Gehirn; Dopamin wird ausgeschüttet, was Motivation und Leistungsfähigkeit fördern kann. Auch Endorphine spielen eine Rolle, also Stoffe, die Wohlbefinden unterstützen. Deshalb müssten sogar sehr zahlenorientierte Führungskräfte das Thema ernst nehmen. Es ist nicht nur «nett», sondern auch leistungsfördernd und hilft dem Wohlbefinden der Mitarbeitenden wie auch der Organisation.

Wie kann ein Unternehmen Wertschätzung systematisch verankern?

Auf zwei Ebenen: über Rahmenbedingungen wie faire Gesamtpakete, Vorsorgelösungen, Beiträge an ÖV oder Telefon, Weiterbildungsmöglichkeiten oder klare Leitbilder zur Zusammenarbeit. Besonders bei der Pensionskasse finde ich den Gedanken stark: Sie zeigt, dass ein Unternehmen auch an die Zukunft der Mitarbeitenden denkt. Auf der individuellen Ebene ist die Führungskraft gefragt. Sie muss herausfinden, welche Form einzelne Mitarbeitende brauchen: mehr Lob, mehr Autonomie, Sicherheit, Entwicklung oder Verantwortung.

Gilt das auch für kleine und mittlere Unternehmen?

Ja, gerade dort. Wenn eine Organisation inhabergeführt ist, prägt diese Person die Kultur stark. Kleine Unternehmen haben andere Möglichkeiten als Benefits: persönliches Interesse, direkte Anerkennung, Vertrauen, Fairness, Nähe und schnelle Entscheidungen. Gerade weil man einander besser kennt, kann Wertschätzung sehr unmittelbar gelebt werden.

Welche Rolle spielt der Lohn?

Der Lohn ist wichtig: Wenn er nicht stimmt, wächst die Unzufriedenheit. Motivation entsteht aber eher aus dem Gesamtpaket: sinnvolle Arbeit, gute Beziehungen, soziale Zugehörigkeit, Anerkennung, Entwicklungsmöglichkeiten, eine positive Kultur und vielseitige Aufgaben.

Also wirkt sich eine wertschätzende Atmosphäre direkt auf die Gesundheit aus?

Genau. Barbara Fredrickson, eine Forscherin auf dem Gebiet der positiven Psychologie, hat gezeigt: Wer positive Emotionen erlebt, kann besser mit anderen Menschen in Beziehung treten, flexibler denken und schwierige Situationen eher bewältigen. Das wirkt sich auch auf Gesundheit und Wohlbefinden aus. Weitere Studien zeigen, dass Burn-out-Raten und Fluktuation sinken und Krankheitstage abnehmen können. Darum gehört Wertschätzung in Führung, Kulturentwicklung und Gesundheitsmanagement.

Erleben jüngere Mitarbeitende Wertschätzung anders als ältere?

Wer frisch ins Berufsleben einsteigt, hat andere Bedürfnisse als jemand, der eine Familie gründet, eine Hypothek trägt oder sich mit der Pensionierung beschäftigt. Dazu kommen Persönlichkeitsunter schiede: Manche suchen Status und Anerkennung, andere Autonomie, Zugehörigkeit oder Entwicklung.

Und dafür sind die Führungskräfte zuständig?

Nicht ausschliesslich. Jedes Teammitglied kann Kolleginnen, Kollegen oder der Chefin ebenfalls Wertschätzung zeigen. Ein «Danke, dass du das so gut vorbereitet hast, jetzt kann ich gut darauf aufbauen» kann viel bewirken. Gerade heute haben die meisten Mitarbeitenden Gestaltungsspielraum, zu einer wertschätzenden Atmosphäre beizutragen.

Zum Schluss noch ein Tipp, sofort mehr Wertschätzung in den Arbeitsalltag zu bringen?

Eine Übung aus der Glücksforschung: Wenn wir uns bewusst machen, wofür wir dankbar sind, tut uns das gut. Wenn wir es einer anderen Person mitteilen, tut es ihr gut – und uns noch besser. Wertschätzung beginnt oft mit einer kleinen Geste, die Positives bewirken kann.

Autorin

Das Gespräch führte Anina Rether, Redaktorin «Wir Kaufleute».


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