Mit 58 den sicheren Job hinschmeissen? Für viele undenkbar. Für Manuela Leonhard war es der Moment, auf sich selbst zu setzen. Ihr Blog «manuela_leonhard» zeigt, dass ein Neustart auch kurz vor 60 gelingen kann. Wenn man weiss, was man will ‒ und kann.

Sie haben mit über 58 einen sicheren Job aufgegeben und sich komplett neu erfunden – wie kam es dazu?

Als Assistentin von Stadtpräsidentin Corine Mauch habe ich während Corona täglich Fotos von meinen Streifzügen durch Zürich in den sozialen Medien gepostet. Aus purer Freude darüber, dass die Stadt so schön ist. Im Laufe der Jahre hat sich meine Community stark entwickelt. Durch mein grosses Netzwerk erhielt ich immer mehr Restaurant- und Hotel anfragen oder Einladungen zu Events. Irgendwann wurde mir klar, dass ich nicht in meinem Job pensioniert werden will. So wagte ich vor drei Jahren den Sprung ins Abenteuer und wurde professionelle Influencerin.

Ihr Blog «Zurich is beautiful», heute «manuela_leonhard» ist sehr erfolgreich. Trotzdem, zum Leben reicht das wohl kaum, oder?

Nein. Es war mir von Anfang an wichtig, dass ich als Influencerin nicht aus finanziellen Gründen Aufträge annehmen muss, sondern frei bleiben kann. Ich möchte weiterhin mit Freude Storytelling machen und nur posten, was mich interessiert und mir gefällt. Darum habe ich noch ein zweites Standbein: Ich arbeite bei einem meiner Follower Teilzeit als Office Manager.

Das heisst also, Kompromisse eingehen, um seinen Traum zu leben?

Alles auf eine Karte zu setzen, ist immer heikel, besonders in fortgeschrittenem Alter. Es ist wichtig, zu wissen, was man will: Erfüllung im Job, Anerkennung, finanzielle Sicherheit, Freiheit, Herausforderung. Meine Prioritäten sind klar: Ich will Freude am Leben haben, selbstbestimmt über mich entscheiden. Auch wenn viele Menschen in meinem Umfeld den Schritt nicht verstanden haben – ich habe meine Entscheidung noch keinen Tag bereut.

Mit zunehmendem Alter wird das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, Sinn und Freiheit, das eigene Leben zu gestalten grösser – trotzdem wagen die wenigsten einen Bruch. Was braucht es dazu?

Mut ist wichtig. Aber Mut hat man nur, wenn man an sich glaubt und weiss, was man kann, ‒ und was nicht. Ich habe vor ein paar Jahren eine Coaching-Ausbildung gemacht und dabei gemerkt: Ich bin mir im Leben oft selbst im Weg gestanden. Negative Glaubenssätze, das Gefühl, nicht gut genug zu sein – das blockiert enorm. Mit 58 konnte ich zum ersten Mal wirklich sagen: Jetzt glaube ich zu 100 Prozent an mich. Und ich wusste: Wenn es nicht funktioniert, mache ich einfach etwas anderes. Ich habe immer einen Plan.

Sie haben aus ihrer Leidenschaft ein neues Selbst entworfen – nicht alle haben diese Möglichkeit. Ihr Rat?

Zu mir kommen viele Frauen im mittleren Alter. Sie arbeiten oft Teilzeit und spüren: Da geht noch mehr. Ich sage ihnen immer: Du hast ein Talent in dir. Finde heraus, was du gerne machst. Und dann baue dir das Schritt für Schritt nebenbei auf, während du im sicheren Job bleibst – bis du merkst, dass es trägt. Der finanzielle Aspekt ist für viele Frauen ein grosses Thema. Das verstehe ich total. Deshalb rate ich nicht zu einem Sprung ins kalte Wasser, sondern zu einem schrittweisen Aufbau.

«Viele Menschen stellen das Geld an erste Stelle statt ihrer Talente. Wenn man dauerhaft gegen sich selbst arbeitet, macht das unglücklich.»

Ist Selbstwirksamkeit für Sie zentral für die Zufriedenheit im Job?

Zu mir kommen viele Frauen im mittleren Alter. Sie arbeiten oft Teilzeit und spüren: Da geht noch mehr. Ich sage ihnen immer: Du hast ein Talent in dir. Finde heraus, was du gerne machst. Und dann baue dir das Schritt für Schritt nebenbei auf, während du im sicheren Job bleibst – bis du merkst, dass es trägt. Der finanzielle Aspekt ist für viele Frauen ein grosses Thema. Das verstehe ich total. Deshalb rate ich nicht zu einem Sprung ins kalte Wasser, sondern zu einem schrittweisen Aufbau.

Das Thema der ü50 im Arbeitsmarkt beschäftigt Sie besonders. Weshalb?

Ich finde unser System teilweise falsch. Es kann nicht sein, dass Menschen über 50 aussortiert werden. Wir bringen Erfahrung, Netzwerke und enormes Wissen mit. Ich kenne viele hochqualifizierte Leute in meinem Alter, die ihren Job verloren haben und nichts mehr finden. Gleichzeitig sagen Firmen, sie wollten erfahrene Mitarbeitende – aber eingestellt werden sie trotzdem nicht. Da stimmt etwas nicht. Ich bin überzeugt: Dieses Thema wird uns noch einholen.


Sie suchen noch mehr Inspiration zur Neuorientierung und Weiterentwicklung im Job? Dann empfehlen wir Ihnen auch den Blog-Artikel «Erfolg findet, wer seiner Leidenschaft folgt», in welchem Finanzexperte André Kistler über Leidenschaft und Zufriedenheit im Beruf spricht.


Autorin

Das Gespräch führte Anina Rether, Redaktorin «Wir Kaufleute»-Magazin.