Christian Wölfle, Rektor Wirtschaftsschule KV Zürich, zieht im Interview eine erste Bilanz. Er spricht über neue Lernformen, den Wandel im Unterricht und darüber, weshalb KI für ihn die «Reform in der Reform» ist.

In Kürze

  • Christian Wölfle zieht eine erste Bilanz zur neuen KV-Lehre und berichtet über Veränderungen im Unterricht.
  • Praxisnahe Projekte verbinden Fachwissen und fördern die Zusammenarbeit.
  • KI eröffnet neue Lernmöglichkeiten, während eigenständiges Denken und die Abstimmung zwischen den Lernorten wichtig bleiben.

Christian Wölfle
Rektor Wirtschafsschule KV Zürich

Herr Wölfle, drei Jahre nach dem Start der neuen KV-Lehre: Was ist heute anders?

Die Fachinhalte werden heute vernetzt in Handlungskompetenzbereichen vermittelt. Der Wegfall der Profile hat die Klassen heterogener gemacht. Hinzu kommt das neue Qualifikationsverfahren: Die schriftlichen Prüfungen finden online statt und erlauben den Einsatz von KI-Tools. Das verändert die Prüfungskultur und den Unterricht.

Wo sehen Sie Highlights?

Sehr gute Erfahrungen machen wir mit unserem Lernsetting «KVibes». Die Lernenden bearbeiten über Wochen praxisnahe Projekte, die verschiedene Handlungskompetenzbereiche verbinden. Ergänzt wird das Setting durch Unternehmen, die dabei Einblicke in ihr Projektmanagement geben. Bewährt hat sich «EcoStartup» von wirtschaftsbildung.ch, eine webbasierte Unternehmenssimulation. Auch haben wir die Austauschmöglichkeiten mit Schulen im In- und Ausland ausgebaut. Und nicht zuletzt hat die Reform die Zusammenarbeit unter den Lehrpersonen intensiviert.

Die klassischen Fächer sind in den Hintergrund gerückt. Was hat sich dadurch in Unterricht und Schule verändert?

Das Fachwissen bleibt zentral. Die Grundlagen werden weiterhin von Fachlehrpersonen vermittelt; neu werden die Inhalte stärker innerhalb der Handlungskompetenzbereiche vernetzt. Ein Kraftakt fand im Backoffice statt: Schulverwaltungssoftware, Zeugnisse, Teams- und OneNote-Strukturen, sowie das Notentool mussten vollständig angepasst werden. Ebenso anspruchsvoll war der kulturelle Wandel: Wer
jahrzehntelang in Fächern gedacht hat, musste lernen, den Unterricht fächerübergreifend zu gestalten.

Arbeiten die Lernenden heute vor allem selbstorganisiert?

Nein. Unsere Lehrpersonen setzen unterschiedliche Methoden ein, um möglichst viele Lernende zu erreichen. Ziel ist es, die Lernenden schrittweise an eigenständiges Arbeiten und grössere Fallstudien heranzuführen.

Wie hat künstliche Intelligenz den Unterricht verändert?

Stärker als die Reform selbst. KI ist gewissermassen die «Reform in der Reform». Sie eröffnet Chancen, birgt aber auch Risiken. Entscheidend ist, dass die Lernenden sie als Unterstützung beim Lernen verstehen, nicht als Abkürzung, die eigenes Denken ersetzt.

«Wir hätten uns deutlich mehr Vorlauf gewünscht. Eine Schule unserer Grösse verfügt nicht nur über eine lange Startrampe, sondern auch über einen langen Bremsweg.»

Die Reform wollte Schule, Betrieb und Überbetriebliche Kurse enger verzahnen. Ist das gelungen?

Die Lernfelder sind heute besser aufeinander abgestimmt. Dennoch könnten Schule, Betrieb und Überbetriebliche Kurse stärker aufeinander Bezug nehmen. Eine besondere Herausforderung ist die KV- Allbranchen-Lehre. Sie umfasst 19 Organisationen der Arbeitswelt. Lernfelder zu entwickeln, die für alle Branchen gleichermassen passen, ist anspruchsvoll.

Mit etwas Abstand betrachtet: Was hätten Sie gerne vorher gewusst?

Wir hätten uns deutlich mehr Vorlauf gewünscht. Eine Schule unserer Grösse verfügt nicht nur über eine lange Startrampe, sondern auch über einen langen Bremsweg.


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