Die neue KV-Lehre ist in der Praxis angekommen – doch wie bewährt sie sich im Alltag von Lernenden und Ausbildungsbetrieben? Drei Bildungsexpertinnen und -experten ziehen eine erste Bilanz, sprechen über aktuelle Fragen rund um KI in der Ausbildung und zeigen auf, welche Chancen die Reform eröffnet und wo noch Herausforderungen bestehen.

In Kürze

  • Die neue KV-Lehre hat sich in der Praxis etabliert. Erste Erfahrungen zeigen, was sich bereits bewährt hat und wo noch Optimierungspotenzial besteht.
  • KI verändert die Anforderungen an Lernende: Kritisches Denken, Zusammenarbeit und ein reflektierter Umgang mit Informationen gewinnen weiter an Bedeutung.
  • Die KV-Lehre wird laufend weiterentwickelt, um Lernende und Ausbildungsbetriebe zu unterstützen und auf künftige Anforderungen vorzubereiten.

Orientierung und Unterstützung

Melinda Bangerter
Leiterin Bildung Kaufmännischer Verband Schweiz

Welche Fragen zur neuen KV-Lehre beschäftigen Lernende und Betriebe am meisten?

Betriebe fragen sich, was Handlungskompetenzorientierung konkret bedeutet, wie Praxisaufträge begleitet und beurteilt werden und wie Wahlpflichtbereiche, Optionen und das neue Qualifikationsverfahren (QV) funktionieren. Lernende interessiert, wie sie sich auf die neuen Prüfungsformate vorbereiten können.

Was sagt der Verband zur Kritik, Lernende müssten dank KI nicht mehr selbst denken?

KI nimmt den Lernenden das Denken nicht ab, sondern stellt sie vor neue Herausforderungen: Informationen auf ihre Richtigkeit prüfen, einordnen und verantwortungsvoll nutzen. Die Zukunft gehört nicht den Maschinen allein, sondern den Menschen, die sie klug einsetzen.

Welchen Support bietet der Kaufmännische Verband Schweiz?

Er unterstützt mit Informationsmaterial, FAQ, Merkblättern, Ratgebern und Auskünften. Den Lehrbetrieben stehen zudem vielfältige Seminar- und Austauschgefässe der Fachgruppe wbp «Wir Berufs- und Praxisbildner:innen» zur Verfügung. Zudem stellt die Geschäftsstelle QV Null- und Übungsserien bereit und bietet den Berufsfachschulen Unterstützung rund um das schulische QV an.

Was schätzen die Lernenden an der neuen KV-Lehre?

Ein genaues Bild wird die Lehrabgänger:innen-Umfrage 2026 liefern, deren Ergebnisse 2027 publiziert werden.

Wie lief die Umstellung zum digitalen QV?

Der Wechsel war für alle Beteiligten anspruchsvoll, wurde aber dank einer gezielten Vorbereitungsphase, zahlreichen Tests und umfassendem Support erfolgreich bewältigt.

Kontinuierliche Weiterenwicklung

Stefan Gamper
Geschäftsleiter Bildung Kaufleute Schweiz (BIKAS), Trägerin der kaufmännischen Berufsbildung

Was macht an der neuen KV-Lehre besonders Freude?

Beeindruckend ist der intensive Austausch zwischen den Beteiligten aus allen Lernorten, Branchen, Kantonen und Unternehmen. Trotz unterschiedlicher Perspektiven verbindet sie ein Ziel: den Jugendlichen eine gute und zukunftsfähige Ausbildung zu ermöglichen.

Wo besteht Optimierungsbedarf?

Bei der Vielzahl der eingesetzten digitalen Plattformen und Werkzeuge, der Anzahl der Praxisaufträge und dem persönlichen Portfolio.

Braucht es angesichts der KI eine Reform der Reform?

Die Zukunft darf nicht allein durch die KI-Brille betrachtet werden. Kaufleute koordinieren Prozesse, gestalten Kundenbeziehungen, arbeiten in vernetzten Teams, analysieren Informationen und nutzen digitale Technologien. Diese Handlungskompetenzen bleiben auch dann relevant, wenn sich einzelne Technologien verändern. Gleichzeitig gewinnen überfachliche Kompetenzen wie kritisches Denken, Zusammenarbeit oder der reflektierte Umgang mit Informationen an Bedeutung. Sie befähigen Lernende, neue Technologien einzuordnen und sinnvoll einzusetzen. Nötig ist daher keine «Reform der Reform», sondern eine kontinuierliche Weiterentwicklung.

Wie gestaltet sich der Evaluationsprozess?

Wir führen aktuell eine breit angelegte Befragung durch. Die Erfahrungen der ersten Absolventinnen und Absolventen sowie ihrer Berufsbildner:innen und Lehrpersonen zeigen, wo bereits viel erreicht wurde und wo optimiert werden muss. Um zu erkennen, welche Kompetenzen in Zukunft gefragt sind, hat BIKAS ihre pädagogische Begleitung damit beauftragt, Arbeitsmarkt- und Zukunftsstudien durchzuführen. Sie werden zeigen, welche Kompetenzen an Bedeutung gewinnen oder verlieren. Beide Elemente stellen sicher, dass die Ausbildung den heutigen Anforderungen entspricht und auf die Bedürfnisse der Zukunft vorbereitet bleibt.

Die KV-Lehre ist gut aufgestellt

Markus Zwyssig
Leiter Berufsfachschulen und Weiterbildung, Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) Kanton Zürich

Gehört die KV-Lehre weiterhin zu den beliebtesten Lehren im Kanton Zürich?

Die Zürcher Jugendlichen können zwischen 250 Berufen wählen. Auch die neue KV-Lehre gehört dabei zu den am häufigsten gewählten Bildungswegen.

Hat sich die Zahl der KV-Lehrverträge mit der Einführung der neuen Bildungsverordnung verändert?

Im Kanton Zürich sind die Zahlen stabil geblieben.

Wie wird die Zusammenarbeit zwischen Bund und Kantonen koordiniert?

Die Schweizerische Kommission für Berufsentwicklung und Qualität (SKBQ) sorgt für eine einheitliche und qualitativ hochwertige KV-Ausbildung auf nationaler und kantonaler Ebene. Ihr gehören Verbände, Gewerkschaften, Lehrpersonen, Schulen und Vertretungen der Kantone und des Bundes an. Gemeinsam entwickeln sie die KV-Ausbildung mit Blick auf künftige Anforderungen weiter.

Wie schätzen Sie die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe heute und in Zukunft ein?

Die Bereitschaft, Lernende im Bereich KV auszubilden, ist ungebrochen hoch. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken. Die Zukunft wird zeigen, wie sich das Berufsbild verändert. Betriebe werden vermutlich nicht weniger, sondern anders ausbilden ‒ mit stärkerem Fokus auf Technologie.

Was trägt das Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich zur erfolgreichen Umsetzung der neuen KV-Lehre bei?

Die Betriebe werden von der Trägerschaft und den Ausbildungsbranchen begleitet und bilden seit Längerem handlungskompetenzorientiert aus. Für die Berufsfachschulen war der Wechsel auf die Handlungskompetenzen umfassender. Wir als MBA unterstützen primär die koordinierte Umsetzung der Schullehrpläne, finanzieren die Qualifizierungen der Lehrpersonen und vermitteln zwischen nationalen Vorgaben und kantonaler Praxis.