Der direkte Weg in den Arbeitsmarkt ist kein Umweg – sondern oft der entscheidende Vorsprung: Ursula Renold, Professorin an der ETH Zürich, erklärt im Interview, warum die duale Ausbildung dem universitären Weg in zentralen Punkten überlegen ist.
In Kürze
- ETH-Professorin Ursula Renold erklärt, warum die duale Ausbildung oft bessere Chancen bietet als ein rein akademischer Weg.
- Früh Berufserfahrung zu sammeln sei heute besonders wertvoll.
- Das Schweizer Bildungssystem gelte als «Goldstandard», weil Lernende direkt im Arbeitsmarkt integriert werden und praktische Kompetenzen erwerben.
Ursula Renold, Sie forschen an der ETH im Bereich Bildungssysteme. Begonnen haben Sie Ihre Laufbahn mit einer KV-Lehre auf der Bank. Was haben Sie mitgenommen?
Was ich damals gelernt habe, hat mich mein ganzes Leben über begleitet ‒ vom Erstellen eines Dokuments bis zu den Standards, die im beruflichen Miteinander gelten. Ich empfehle allen Jugendlichen, die nicht wissen, ob sie eine Lehre machen oder ans Gymnasium gehen sollen: Macht eine Lehre. Früh Arbeitserfahrung zu sammeln, ist heute Gold wert.
Sie vergleichen Bildungssysteme weltweit. Das duale Schweizer System wird oft als «Goldstandard» bezeichnet. Wieso?
Der Grund liegt in der frühen Integration in den Arbeitsmarkt ‒ etwas, das es so in vielen Ländern nicht gibt, und das, getrieben durch die digitale Transformation, zunehmend schwieriger wird. Die Schweiz hat die wohl weltbeste Zusammenarbeit zwischen den Organisationen der Arbeitswelt und den Bildungsakteuren. Das ist das eigentliche Gold. Was oft zu wenig gesehen wird: Die Verbände sind die eigentliche Kraft in diesem starken Berufsbildungssystem.
Kürzlich war zu lesen, dass die Zahl arbeitsloser Akademiker:innen steigt, während die Perspektiven für Arbeitnehmende mit einer Berufsausbildung stabiler sind.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Auch Bildungsforscher Stefan Wolter bestätigt: Von zehn Schüler:innen, die ins Gymnasium eintreten, erreichen nur knapp drei zehn Jahre später einen universitären Abschluss, der für eine Stelle mit Studienanforderung qualifiziert. Der Stellenmarktmonitor der Uni Zürich zeigt: Firmen wollen Mitarbeitende mit «transferierbaren Kompetenzen», Soft Skills und Berufserfahrung ‒ etwas, das Hochschulabgänger:innen beim Ersteintritt in den Arbeitsmarkt noch nicht haben. Jemand, der während der Ausbildung drei bis vier Tage im Betrieb ist, ist im Vorteil.
Inwiefern verändert KI den Arbeitsmarkt ganz allgemein und die Kaufmännische Branche im Speziellen?
Im Vordergrund steht nicht der unmittelbare Ersatz ganzer Berufe, sondern die schrittweise Veränderung einzelner Aufgaben. Davon dürften vor allem wissensbasierte Tätigkeiten betroffen sein. Etwa in der Softwareentwicklung, in juristischen Berufen oder im Marketing, wo Large Language Models (LLMs) bestimmte Aufgaben teilweise automatisieren. In der Berufsbildung trifft es den Dienstleistungsbereich, also auch die kaufmännische Lehre, stärker als die Industrieberufe, wo die technologischen Entwicklungen noch nicht so weit fortgeschritten sind. Die kaufmännische Lehre wird nicht abgeschafft, der Beruf wird aber ‒ wie schon immer ‒ laufend reformiert werden müssen. Es ist gut, dass man so viel Wert auf Handlungskompetenzen legt. Sie machen am Ende den Menschen aus.
Wie sieht es mit den Möglichkeiten aus, sich später im Leben neu zu orientieren? Vermittelt die Berufslehre dazu Fähigkeiten?
Auch hier ist die Schweiz gut aufgestellt. Nachhaltige Programme der Höheren Berufsbildung steigern Produktivität und Karrierechancen deutlich effektiver als kurze Einzelkurse. Was mir mehr Sorgen macht, sind Mitarbeitende ab 50, die sich nicht mit dem rasanten KI-getriebenen Wandel auseinandersetzen. Sie riskieren, ihre Mobilität auf dem Arbeitsmarkt einzubüssen. Hier sind beide Seiten gefragt: Mitarbeitende müssen lernbereit bleiben, während Unternehmen durch intergenerative Förderung sicherstellen
sollten, dass niemand abgehängt wird.
«Ich empfehle allen Jugendlichen, die nicht wissen, ob sie eine Lehre machen oder ans Gymnasium gehen sollen: Macht eine Lehre.»
Wo müsste man ansetzen, um daran etwas zu ändern?
Es braucht betriebsinterne Spezialist:innen, die sich permanent mit den neusten Tools auseinandersetzen und sie auf Datenschutz, Ethik und echten Nutzen prüfen. Entscheidend ist, die Mitarbeitenden aktiv einzubinden ‒ ohne diese Begleitung droht bei der rasanten Entwicklung grosse Überforderung.
Was braucht es, um ältere Arbeitnehmende im Arbeitsmarkt zu halten?
Das ist sehr komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab. In der Schweiz sehe ich eine strukturelle Schwäche: Man fördert insbesondere die höhere Berufsbildung viel zu wenig. Viele wissen nicht, dass diese für erfahrene Berufsleute gedacht ist. Ein Wirtschaftsprüfer-oder Treuhänderabschluss ist eine Höherqualifizierung im Hinblick auf die Spezialisierung, die viele Jahre Berufserfahrung voraussetzt. Man sollte deutlicher aufzeigen, dass solche Programme der höheren Berufsbildung sowohl auf strengen Reglementen als auch auf langjähriger Berufserfahrung basieren. Letztere ist ein echtes Kapital, das wir klarer als fachliche Kompetenz benennen sollten.
Autorin
Prof. Dr. Ursula Renold forscht an der ETH Zürich über Bildungssysteme. Das Gespräch führte Franziska Koller, Redaktorin Wir Kaufleute.
Mehr zum Thema Neuorientierung finden Sie im Blog «Erfolg findet, wer seiner Leidenschaft folgt».
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