Die Journalistin, Autorin und Mental-Health-Aktivistin Anna Miller erklärt im Interview, warum Unternehmen eine digitale Unternehmenskultur brauchen und es analoge Aktivitäten heute schwer haben.
Die Digitalisierung nimmt Einzug in immer mehr Lebensbereiche. Was sind die Konsequenzen, Anna Miller?
Wir sind einem unendlichen Strom an digitalen Pendenzen ausgesetzt ‒ nicht nur von neun bis fünf Uhr, sondern immer und überall. Eilmeldungen, App-Benachrichtigungen und Handlungsaufforderungen via Smartphone bedeuten: neue Aufgaben, neue Arbeit.
«Es braucht bewusste Anstrengung, sich für Offline-Aktivitäten zu entscheiden.» Anna Miller
Was macht diese ständige Erreichbarkeit mit uns?
Unser zentrales Nervensystem braucht den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Ständige Erreichbarkeit führt zu Daueranspannung. Das kann Schlafstörungen, Angst, Depressionen, chronische Schmerzen oder sogar Herzinfarkte zur Folge haben.
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Wenn das so belastend ist – warum klinken wir uns nicht einfach aus?
Weil der Mensch ein soziales Wesen ist. Wir haben Angst vor sozialer Bestrafung, wenn wir nicht erreichbar sind – etwa ausgeschlossen zu werden. Diese Urangst steckt tief in uns.
Ist es wirklich nur die Angst, die uns online hält?
Nein, es liegt auch am Dopamin, das durch Netflix, Instagram, WhatsApp und Co. ausgeschüttet wird. Das fühlt sich (kurzfristig) gut an. Wenn es uns schlecht geht, greifen wir zum Smartphone – es ist das einfachste Mittel zur Ablenkung. Der Psychoanalyst Michaël Stora nennt es ein «drahtloses Kuscheltier». Aktivitäten wie Sport oder Lesen versprechen einen viel kleineren Dopaminkick.
Wir überschätzen also unsere Willenskraft?
Ja. Wenn das Smartphone sichtbar auf dem Tisch liegt, ist es wie mit Chips beim Apéro: Man knickt ein. Ich kenne das gut. Wenn der Laptop abends offen auf dem Sofa liegt, entscheide ich mich eher für Netflix als fürs Puzzeln. Es braucht bewusste Anstrengung, sich für Offline-Aktivitäten zu entscheiden.
Das klingt nach einer kollektiven Sucht …
Wir stecken mitten in einer digitalen Sucht – nicht am Anfang, nicht am Ende. Und das hat Konsequenzen: Wir sind als Gesellschaft auf dem Weg in ein kollektives, digitales Burn-out.
Was hilft dagegen?
Erstens: Bewusstsein schaffen. Beobachte dein digitales Verhalten ein paar Tage wertfrei. Wann fühlst du dich gut oder schlecht? Was stresst dich? Zweitens: Wir brauchen eine digital achtsame Kultur – privat wie beruflich. Erwartungen, Dringlichkeiten und Erreichbarkeit müssen geklärt sein.
Wie kann das konkret aussehen?
Im Privaten: Es sollte okay sein, nicht sofort zu antworten. Im Beruf: Wenn eine Führungskraft abends noch Mails verschickt, sollte sie klar machen, dass keine sofortige Antwort erwartet wird – zum Beispiel in der Signatur.
Was gehört noch zu einer digitalen Unternehmenskultur?
Zum Beispiel klare Regeln bei Sitzungen: Wenn wir über Zoom sprechen, lassen wir andere Programme und das Handy weg. Wer da ist, ist präsent. Wer spricht, hat das Recht auf Aufmerksamkeit. Laptops zu, Handys in der Tasche. Notizen gehen auch mit Stift und Papier. Es geht nicht darum, nostalgisch zu werden, sondern in digitalen Zeiten Menschlichkeit, Achtung und Fokus zu bewahren. Dann sind nicht
nur wir gesünder und glücklicher – sondern Unternehmen auch erfolgreicher.
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