Petra Kipfelsberger ist ausserordentliche Professorin an der BI Norwegian Business School in Oslo und Privatdozentin an der Universität St.Gallen. Sie berät Executives in den Bereichen Leadership und strategische Transformation. Im Gespräch zeigt sie auf, was wir der «Leistungssucht» entgegenhalten können.

Wir sollen immer erreichbar und wollen maximal produktiv sein. Woher kommt diese «Leistungssucht»?

In unserer Gesellschaft wird vermittelt, Identität hinge nur von Leistung ab. Die Gefahr ist, den Selbstwert an den Job zu koppeln. Es ist wichtig, sich auch über andere Bereiche zu definieren, etwa Hobbys, Familie, Freundeskreise. Als Mensch hat man schon per se einen Wert, was oft vergessen geht – und wenn wir im Burn-out landen oder von Arbeitslosigkeit betroffen sind, bricht dieses Selbstwertgefühl erst recht ein.

Viertagewoche, Fokuszeiten, Jobsharing, Sabbaticals: Wo sehen Sie das grösste Potenzial für die Gesundheit der Mitarbeitenden?

Neue Arbeitszeitformen brechen Routinen auf und Sabbaticals oder Jobsharing können viel Positives bringen. Wichtig ist: Diese Modelle sind keine Selbstläufer und können nicht nur von Einzelnen gelebt werden, sondern brauchen die Unterstützung in den Organisationen, in der Kultur, im gesamten gesellschaftlichen System.

«Wir müssen wieder lernen ‒ und unseren Kindern beibringen ‒, den eigenen Körper ohne ständiges technisches Feedback zu spüren.»

Immer mehr Unternehmen setzen auf sitzungsfreie Tage oder kürzere Meetings. Der richtige Ansatz?

Sie sind sehr gute Hebel. Auch Timing ist wichtig: In Norwegen finden Sitzungen zwischen 10 Uhr und 15 Uhr statt, um die Arbeit familienfreundlicher zu gestalten. Auch hilfreich: Morgens konzentrierte Kopf- und Denkarbeit, nachmittags kommunikative Teamarbeit, Sitzungen. Und als letzten Punkt: Braucht es das Meeting wirklich oder reichen asynchrone Arbeit an einem geteilten Dokument und kurze Check-in-Calls?

Wie finden Mitarbeitende trotz Digitalisierung Sinn in ihrer Tätigkeit?

In Workshops erarbeite ich mit Teams die gemeinsamen Energiequellen, was den Mitarbeitenden individuell Sinn gibt und wo die Verbindung zum Unternehmen liegt. Ein Purpose ist dabei dynamisch, darf sich weiterentwickeln und ist der Klebstoff, der uns auch bei hybrider Arbeit zusammenhält.

Und was können Mitarbeitende selbst für diese Sinnfindung tun?

Sinn erleben wir, wenn wir merken, dass unsere Arbeit etwas verändert, wir einen Beitrag leisten und Feedback erhalten. Das führt zu einem authentischen inneren Antrieb. Ich glaube, dass jeder Mensch einen Mehrwert für die Gesellschaft leisten und diesen Sinn erleben kann. Und wenn dem nicht so ist, dann heisst es: loslassen und sich neu orientieren.

Sie geben an der Uni St. Gallen den Kurs «Neue Arbeits- und Führungsformen». Was steckt dahinter?

Wir alle wollen mehr Freiheit und Flexibilität, doch die Kehrseite von Freiheit ist
die Verantwortung, die man für den eigenen Weg und die eigene Gesundheit trägt. Deshalb sind Selbstmanagement, Selbstkenntnis und Selbstfürsorge heute Schlüsselkompetenzen. Das Ziel ist, dass alle einen Zugang zum eigenen Selbst finden ‒ denn Selfleadership ist die Basis, um andere
führen zu können.

Besteht nicht die Gefahr, die Verantwortung auf die einzelnen Mitarbeitenden abzuwälzen?

Mein Ansatz zielt aufs Individuum. Gleichzeitig geben wir damit zukünftigen Führungskräften das Werkzeug mit, um Probleme bei ihren Mitarbeitenden zu erkennen: etwa Isolation im Homeoffice. Ich wünsche mir, dass Firmen mehr Kurse in Selbstmanagement anbieten. Denn die vielen Möglichkeiten bringen mit sich, dass man etwas Falsches für sich wählen kann.

Welche Rolle spielt die Künstliche Intelligenz in einer gesunden Arbeitswelt?

Wir müssen KI wie eine virtuelle Kollegin integrieren, aber dabei das Menschliche in den Vordergrund rücken ‒ denn KI hat kein Gewissen und braucht keinen Sinn, der Mensch hingegen schon. Der Mensch muss auf Basis ethischer Werte entscheiden und die Verantwortung behalten. Wir müssen aktiv gestalten, wo KI uns unterstützt und Freiräume schafft. Selbstmanagement wird noch wichtiger, um uns bewusst wieder von der KI zu lösen. Die Gefahr ist die Selbstoptimierung: Perfektionsdrang, kombiniert mit unserer Leistungsgesellschaft, führt zu negativem Stress und womöglich Burn-out. Wir brauchen keine KI, die uns sagt, wann es Zeit ist ins Bett zu gehen oder einen Spaziergang zu machen. Wir müssen wieder lernen ‒und unseren Kindern beibringen ‒, den eigenen Körper ohne ständiges technisches Feedback zu spüren.

«Sinn erleben wir, wenn wir merken, dass unsere Arbeit etwas verändert, wir einen Beitrag leisten und Feedback erhalten. »


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Autorin

Das Gespräch führte Erika Suter, Redaktorin «Wir Kaufleute»-Magazin.