Im Berufsalltag zeigt sich, dass die mentale Gesundheit von Lernenden eng mit der Qualität der Beziehung zu ihren Berufs- und Praxisbildner:innen zusammenhängt. Eine stabile, vertrauensvolle Verbindung ist die Grundlage dafür, dass Lernende sich öffnen, über ihre Belastungen sprechen und Verantwortung übernehmen können. Sie fühlen sich gesehen, ernst genommen – und genau das stärkt ihr Selbstvertrauen und ihre Widerstandskraft.
In Kürze:
- Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lernenden und Berufs- oder Praxisbildner:innen stärkt mentale Gesundheit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
- Regelmässige, gut geführte Gespräche mit offenen Fragen fördern Selbstreflexion, Orientierung und persönliche Entwicklung.
- Trotz wachsender Bedeutung von KI bleiben Empathie, Zuhören und Vertrauen zentrale Faktoren für Stabilität, Lernen und Entwicklung.
Die Kraft gezielter Gespräche und Reflexion
Gezielte Gespräche bieten dabei wertvolle Orientierung. Wenn Berufs- und Praxisbildner:innen strukturierte und gleichzeitig offene Fragen stellen, regen sie Lernende zum Nachdenken an und fördern deren Selbstreflexion. Oft reicht schon eine gut gewählte Frage, um Klarheit zu schaffen und neue Perspektiven zu öffnen. So finden Lernende nicht nur Lösungen für konkrete Herausforderungen, sondern gewinnen auch ein tieferes Verständnis für sich selbst und ihre Entwicklung.
Wöchentliche Reflexionsrunden, Zielgespräche oder feste Pausenzeiten sind einfache, aber wirksame Strategien. Wenn dabei auch über Gelungenes und Optimierungsmöglichkeiten gesprochen wird, stärkt das die mentale Stabilität. Solche Gespräche schaffen Routinen, die Sicherheit geben, und fördern gleichzeitig die Eigenverantwortung, Achtsamkeit und Resilienz. Das sind Kompetenzen, die Lernenden Sicherheit für das QV geben und ganz allgemein für das Leben wertvoll sind.
Lernende im Spannungsfeld von Dichtestress und Dauererreichbarkeit
Unsere Lernenden wachsen zudem in einer Welt auf, in der Reize, Informationen und Erwartungen dichter sind als je zuvor. Social Media, ständige Erreichbarkeit und die wachsende Präsenz von KI erzeugen eine neue Art von «Dichtestress». Alles scheint schneller, perfekter und komplexer zu werden. Der Vergleich mit anderen begleitet die Lernenden permanent und die Grenzen zwischen Arbeit, Freizeit und digitaler Präsenz verschwimmen mehr und mehr. Viele Lernende erleben dadurch den Anspruch, immer «on» zu sein, alles zu wissen und sofort zu reagieren. Das kann zu innerer Unruhe, Erschöpfung oder Selbstzweifeln führen, auch wenn äusserlich alles in Ordnung scheint. Auch hier sind Berufs- und Praxisbildner:innen wichtige Bezugspersonen. Sie können durch Gespräche, klare Strukturen und echtes Interesse einen geschützten Raum schaffen, in dem Entschleunigung, Reflexion und vor allem echte Begegnungen möglich werden.
Menschlichkeit als Schlüssel in einer KI-geprägten Arbeitswelt
Gerade in einer Zeit, in der KI immer mehr Aufgaben übernimmt, bleibt das Menschliche ‒ Empathie, Zuhören, Vertrauen ‒ der entscheidende Faktor. Eine gute Beziehung zwischen Lernenden und unserer Rolle als Führungskräfte wirkt stabilisierend und vermittelt Halt. Sie zeigt: Nicht alles muss sofort gewusst oder perfekt gemacht werden. Oft reicht es, da zu sein, zuzuhören und gemeinsam einen nächsten Schritt zu finden.
Diese Art der Begleitung wirkt in beide Richtungen: Auch Berufs- und Praxisbildner:innen profitieren davon. Sie lernen, mit mehr Gelassenheit und Bewusstsein auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Lernenden einzugehen. Wer regelmässig solche Gespräche führt, merkt schnell, dass man nicht immer ein Problem braucht, um Lösungen zu finden. Manchmal entsteht der grösste Fortschritt einfach aus einem guten gemeinsamen Moment.
Autorin

Vera Class, MAS Wirtschaftspsychologie FHNW, eidg. dipl. Kommunikationsleiterin, eidg. FA Ausbildnerin, ist Berufsbildungsexpertin und leitet die nationale Fachgruppe wbp – Wir Berufs- und Praxisbildner:innen.
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